Glücklich leben – auch ohne positives Denken?

Siehst du sie auch?

Sie laufen in Scharen herum und versuchen möglichst jeden in einen ganz positiven Zustand zu diskutieren:

Die Anhänger des positiven Denkens. Die Optimisten des Lebens, die Retter der Welt, die Bewahrer der Schönheit. HALT – Ist es wirklich so bewahrend, immer positiv zu denken? Und wo bleibt da der Raum für das Negative, das Abgelehnte?

Alle möchten doch positiv sein

Wir leben in einer Kultur des plakativen Lächelns. Nahezu jedes Werbeplakat zeigt glückliche, zufrieden lächende Menschen, welche unbeschwert in den Tag leben. Natürlich in Verbindung mit einem Produkt. Alle möchten positiv.

Die paar kleinen Unstimmigkeiten im Leben sind doch nicht der Rede wert, oder?

„Du musst nur an deinen Erfolg glauben und positiv Denken“

Das ist uns von Kindesbeinen an eingetrichtert worden. „Sei freundlich“, „Lächel“, Darfs noch ein bisschen mehr sein?“ So oder so ähnlich wird ständig ein nicht genau fühlbarer Leistungs- und Stimmungsdruck auf den Konsumierenden und auf sein Körperbewusstsein ausgeübt. Erfolg hat was mit Lächeln, positiv und leicht zu tun. Jeder Verkäufer kann davon ein Lied singen. Das ist das, was die Menschen oft eigentlich kaufen: Glücksgefühle.

Komisch, dass der Botox Verbrauch aufgrund verbrämter Gesichtsfalten und parallel der Drogenkonsum stetig steigt, obwohl wir doch wissenschaftlich gesehen einfach nur mehr lächeln und positiv Denken sollten?

Die Kehrseite der Medaille

„Ja, aber es hilft ja auch nichts, Trübsal zu blasen.“ bzw. „Komm, sei doch nicht so, war doch gar nicht so gemeint“, sind die Standardreaktionen auf Negatives. Natürlich – ist Depression nicht! Jedoch in dieser Positiv-Kultur mächtig oft vertreten. Könnte es vielleicht sogar sein, dass zwischen diesen beiden Denkweisen einen Zusammenhang besteht? Etwas, was beide voneinander abhängig macht?

Wir haben es nicht gelernt

Ein Kind, welches noch nicht besonders lang moralischen Botschaften oder medialen Einflüssen ausgesetzt war, hat ein gesundes Gleichgewicht zwischen positiven und „negativen“ Gefühlen. Es erlebt die positiven und negativen Regungen seines Gemüt als lebendige Impulse von beiden Seiten.

In ihm ist der organische Reflex noch lebendig. Wenn es schmerzt, oder sich unangenehm anfühlt, dann macht es sich Luft – im wahrsten Sinne des Wortes – und drückt seine schwierigen Umstände durch seine Stimme & Stimmung aus. Oft ungefiltert. Gefühltes pur. Das ist für manche Erwachsene schlimmer als Zahnwurzelbehandlung. In nahezu allen Familiensystemen ist dieser Ausdrucksraum eingeschränkt und / oder massiv unterdrückt worden.

Die organische Entladung

Wenn das Kind den dafür geschützten Raum hat, dann entlädt sich dieses Gefühlsgewitter und …danach folgt – oft wie von selbst – der Sonnenschein und die wahre Unbeschwertheit. Jedoch wird vor diesem Zeitpunkt oft in die organische Entladung eingegriffen und das Positive Denken geübt: „Tat doch gar nicht so weh!“ oder „Ja, nun jammer mal nicht, anderen Kindern geht es viieel schlechter.“

Dadurch lernen wir als Kind, unsere gefühlte Wahrheit zurückzuhalten und unterdrücken diesen Fluss des Lebens in uns. Und wundern uns dann als Erwachsene, wenn wir depressiv werden oder uns nicht wirklich wahrhaftig fühlen. Diese intensiven Gefühlswellen im erwachsenen Körper weiterhin erleben zu können, ist Lebendigkeit pur und steht meist als wirkliches Bedürfnis versteckt hinter dem Streben nach Erfolg, Ruhm, Anerkennung. In der Befreiungskunst ist es ein enorm wichtiger Anteil der Ausdrucksarbeit.

Viele Extremsportler erleben das Adrenalin als Ersatz für diese Lebendigkeit. Es ist anfangs erstmal eine Herausforderung dem Kind-Sein in uns wieder diesen Raum zu erlauben, jedoch lohnt es sich über alle Maßen.

Die Grenzen der Fahnenstange

Natürlich brauchen kleine und große Kinder in diesen Erlebnissen einen Spiegel und auch liebevolle Grenzen. Dass für ein Kind es sich jedoch wie ein Weltuntergang anfühlt, wenn es sein all-geliebtes Stofftier verloren hat, dass ist für die meisten Erwachsenen nur schwer auszuhalten und mitzufühlen. Allerdings ist dieser „Weltuntergang“ im Erwachsenenalter nachvollziehbar, wenn sich eine Liebe verabschiedet.

Und dort spiegelt sich wieder, wie wir gelernt haben, mit diesen schwierigen Gefühlszuständen umzugehen. Entweder wir können befreit aufatmen und über das Gewitter hinauswachsen, oder wir verdrängen es weiter bis wir krank vor Sorge und Hinunterschlucken werden.

Prüfe einmal, wieviel du dazu neigst in solch schwierigen Situationen mit Ratschlägen und postivem Denken zu reagieren, als mit mitfühlender, konstruktiver Anteilnahme ?

Eine der größten Herausforderungen

Wahrhaftiges Mitgefühl mit negativer Spannung & Ladung im Gegenüber zu haben, hat uns keiner näher beigebracht. Deswegen gibt es in den Situationen, in denen jemand „schlecht“ drauf ist, auch auf einmal soviel Positives zu denken und zu bemerken, anstatt die Ohnmacht zu fühlen, welche es erstmal macht, eine negative Stimmung im Gegenüber zu begleiten: „Hey, das hat er bestimmt nicht so gemeint.“ oder „Kopf hoch, das wird schon wieder.“

Doch daraus entstehen auch die meisten zwischenmenschlichen Konflikte überhaupt: Aus dem bewussten oder unbewussten Nicht-Mitfühlen. Egal ob es durch positives Denken geschürt wird, oder durch das Verdrängen der gefühlten Realtität. So können sich starke Gefühle wie Neid, Missgunst, Eifersucht, Ärger uvm. nicht richtig zeigen und ausdrücken lassen und das Fass läuft immer voller.

Konstruktiv sein vs. Verdrängen

Nun kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass positives Denken die Tendenz hat Negatives zu verdrängen.

Ebenso verhält es sich jedoch auch beim negativen Denken. Beide Pole haben die extreme Kraft jeweils das Andere als Undenkbar erscheinen zu lassen. Und ja, wenn eine Seite sich aufgebäumt hat und nur kurz unachtsam ist….fordert die andere ihren Raum doppelt ein.

Was wäre denn, wenn beides seinen Raum bekäme?

Wie wäre es, wenn du dir vorstellst, in dir einen Ausdrucksraum für deine negativen Stimmen zu eröffnen?

Angst vor Überflutung?

Oder sind auf einmal gar keine Stimmen mehr da?

Wenn du dich umschaust auf der Welt, dann wird so Vieles verdrängt und heruntergeschluckt. Wenn du dir vorstellst, dass das auch nur eine große Entsprechung ist von dem, was in dir passiert, Würdest du dann etwas direkter daran ändern wollen?

Das organische Denken

Wenn beide Pole negatives & positives Denken einen Platz in deinem Leben bekommen, dann beginnst du immer mehr, organisch zu denken. Du siehst auf einmal, dass es Sinn macht, dass ein Kind traurig ist und weint, weil es dadurch seine Spannungen entladen kann.

Ebenso kannst du spüren, dass du viel ehrlicher mit dir und anderen umgehen kannst, weil beide Aspekte zur Lebendigkeit gehören. Natürlich braucht es auch Mit-Menschen, welche diesen Raum und diesen Wandel ebenfalls leben und gestalten wollen. Das werden glücklicherweise immer mehr.

Wenn du dich bereit fühlst, deinen nächsten Schritt in Richtung Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit zu gehen, halte Ausschau nach Menschen, welche dich auf diesem Weg begleiten können. Wenn du dich durch diese Zeilen angesprochen fühlst, deinen direkten nächsten Schritt zu tun, freue ich mich und wünsche dir gutes Gelingen !

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