Sensibel sein

sensibel

– Was wir von einem Orangenbaum lernen können

Am Freitag ist mir ein Wunder geschehen – und ich meine, ein echtes.

Ich beherberge einen Orangenbaum in meiner Wohnung. Habt ihr schon mal eure Erfahrungen mit Orangenbäumen gemacht? Eigenwillige Wesen. Sehr, sehr, ähm, sehr sensibel.

Als er noch am Chiemsee zu Hause war, blühte er voller Inbrunst und es wuchsen ihm vor lauter Glück sogar kleine Orangen. Orangenblüten können mich wirklich entzücken, Mini-Orangen auch. Dann kam eine Trennung und er wurde umgezogen. Nach Hamburg. Im Februar. Das fand er, nun ja, sagen wir, er fand es unter seiner Würde. Innerhalb von drei Tagen verlor er alle seine Blätter, plus Mini-Orangen, von den Blüten ganz zu schweigen.

Ich kam in einer neuen Stadt an, mit Liebeskummer, und mit einem braunen Stumpf in einem großen Topf. Kein sehr erbaulicher Anblick. Nun ja. Ich mochte ihn sehr, ich verstand seine Sensibilität, also bat ich die Blumenfrau um die Ecke um Rat, und sie meinte nur: „einfach stehen lassen“. Das tat ich. 2 Jahre lang. Nichts regte sich. Ich würde sagen, ein Orangenbaum ist nun wirklich der Ausbund an Sensibilität. Aber auch an Ausdauer. Denn offensichtlich arbeitete es in ihm drin, für meine Augen unsichtbar, die ganze Zeit. Denn nach 2 Jahren – zack – trieb er wieder aus. Und zwar richtig. Keine Blüten mehr, und auch keine Mini-Orangen. Aber schöne grüne satte Blätter, die nach Orangen dufteten, wenn man sie streichelte (Wirklich – das ist kein Witz!).

begin againIch war delighted. Und kam nicht umhin, das Gefühl zu haben, der Orangenbaum wäre auf magische Weise mit meiner Seele verbunden, und würde ‚in extremo‘ mein Innenleben wiederspiegeln. Denn wirklich zu Hause fühlte ich mich in Hamburg tatsächlich erst nach 2 Jahren. Nun, wir fanden uns beide zurecht, entwickelten uns weiter, bekamen neue Triebe, wurden kräftiger, und Weihnachten vor einem Jahr – als ich 2 Wochen nicht da war und ihn alleine in der kalten Wohnung ließ, wohlgemerkt – da kam ich wieder – und er hatte wieder eine Blüte. Ich bin ganz ehrlich – ich habe geweint. Es kam mir vor, als sei die Orangenbaumblüte ein Equivalent zu meinem Herzen, das sich da mitten im tiefsten (Gefühls-) Winter nicht einschüchtern lässt und tapfer blühte.

Nun könnte man denken, das wäre unser happy end gewesen. Der Orangenbaum blüht, bekommt mehr Orangen et cetera, et cetera. Aber das ist die Geschichte eines Hochsensiblen. Hier geht nichts dauernd einfach bergauf, für immer. Mein Orangenbaum und ich, wir richteten uns ganz gut ein in unserer Umsicht miteinander. Keine Blüten mehr, immer noch keine Orangen, aber immerhin, eine solide stabile Basis des ruhigen Grünens.

Bis ich 6 Wochen nach Thailand flog und die Wohnung untervermietete.

Als ich wiederkam: Nur noch Strunk. Ein brauner, vertrockneter Strunk. Meine Untermieterin war untröstlich, konnte es sich nicht erklären, hatte sich rührend um ihn gekümmert. Was soll ich sagen? Vielleicht zu rührend. Hochsensible brauchen Raum für sich selbst. Oft müssen sie einfach in Ruhe gelassen werden. Damit sie ihre Kraft von innen wieder mobilisieren können. Zuviel Druck von außen – und sie verlieren ihre Blätter. Spreche ich da von mir? Ich weiss es nicht. Dem Orangenbaum aber entspricht es vollkommen.

Ich habe ihn dann in Ruhe gelassen. Liebevoll ‚Meine kleine Leiche‘ gedacht, wenn ich ihn betrachtete. Der Untermieterin versichert, dass sie sicherlich ÜBERHAUPT nichts dafür könne. Und weiter mit ihm ausgeharrt. Ich weiss nicht, warum. Ich kann rigoros sein, und Dinge einfach weggeben. Aber mit ihm bin ich auf irgendeine geheime Weise verbunden – auch als ich diesmal wirklich sicher war, dass da nichts mehr zu retten wäre. Ich liess ihm seinen Platz in der Wohnung, als würde ich Trauerzeit halten. Wie man manchmal einfach aufgibt, nach großen Anstrengungen, Bemühungen und Versuchen, es richtig zu machen. Ich liess ihm einfach seinen Platz, und tat nichts mehr. Keine Rettung. Nichts.

junger StrunkUnd was passierte dann? Das Wunder.

Als ich Freitag morgen an ihm vorbei ging, musste ich plötzlich 2 mal gucken. Mein Orangenbaum hatte eindeutig keinen Bock mehr. Braun und vertrocknet ragte er in den Morgen. Aber was war das da an seiner Seite? Da wuchs ein komplett neuer, eigenständiger, wunderschöner Orangenbaum.

 

Herrlich grün, jung, und unaufhaltsam. Neben dem alten Strunk.

Diesmal musste ich lachen. Ist es nicht unglaublich, wie so ein Orangenbaum einen mal eben so zum Narren halten kann? Und mir nebenbei eine so unglaubliche Lebenslektion gibt. Wenn es sich einfach nicht mehr lohnt, am alten Strunk weiter zu arbeiten – dann lieber einmal in völligen Rückzug gehen – und dann mit Fokus und Einsatz nochmal ganz von vorn anfangen. Es war als wäre ihm klar geworden: Das Leben ist zu schön, um nicht mitzumachen.

Manchmal muss man wirklich loslassen – den ganzen alten Strunk – und nochmal neu wachsen. Mit der ganzen Erfahrung, klar. Und mit der ganzen Liebe, die immer noch da ist, egal, wieviele ungünstige Situationen man schon durchlebt hat.

Ist das nun sensibel?

Sicher nicht. Das ist einfach nur grandios.

Einen ganz neuen Weg gehen, nochmal von vorn anfangen, egal, was man bisher gelernt hat, was man für Erfahrungen gemacht hat. Mein Orangenbaum, der soviel Zeit für sich braucht – dem viele Situationen und Wetter nicht passen, der dann radikal alles verliert, der Abwesenheiten nicht erträgt und Einengungen – der ist gleichzeitig unheimlich tapfer.

Und ich? Ich bin stolz, mit einem so tapferen und klugen Orangenbaum zusammen zu leben. Sensibel, kompliziert und einzelgängerisch. Und vor Leben strotzend. Voll mit unendlicher Lebensfreude. Es ist, als sagte er mir nun jeden Morgen mit einem frechen Grinsen: Hey baby – fuck this shit – let’s begin again!

Alles. Liebe. Immer.

Maren*

Maren Hoff
Maren Hoff ist Stimmtrainerin, LifeCoach für Schöpfungen und Medizinfrau. Ihr Hafen ist Hamburg, sie coacht und unterrichtet deutschlandweit. Ihr Herz singt, wenn großartige Menschen fähig sind, für sich selbst und ihre Werte einzustehen, wissen was sie wollen und ihre Ideen klar und deutlich in die Welt bringen – lebendig, enthusiastisch, ansteckend und authentisch. www.marenhoff.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Melde dich zu unserem Newsletter an!